In den Bergen

Malerweg – Etappe 3

Prolog

Die dritte Etappe hat es in sich. Sie wird bizarr, morbide, schweißtreibend und ein wenig anzüglich im Ende. Nicht zu vergessen das erlösende Putzen der Zähne mit frisch erstandenen Bambuszahnbürste aus Stadt Wehlen. Aus dem Polenztal hinaus, in die Höhe nach Hohnstein, über den Brand wieder hinunter und zurück in die Höhen bis nach Altendorf. Rund 15km liegen vor uns.

Die dritte Etappe

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Im Schindergraben

Die Nacht ist bitterkalt im dunklen Polenztal. Wir wandern der Tage durch das Kälteloch, was sich von Osten kommend, durch Mitteleuropa schiebt und noch einmal eisige Luft mit sich bringt. Dass es nicht sommerlich warm werden wird im April, das hatten wir bei der Wahl unserer Ausrüstung bedacht, dass es jedoch noch einmal eisiger als im Februar werden würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Der Aufbruch in der eisigen Kälte nach einem oppulenten Buffet-Frühstück in unserem Gasthaus Polenztal war durchaus fröstelnd, als wir direkt hinter dem Gasthaus hinter einer schmalen Brücke über die Polenz in den “Schindergraben” eintauchen.

“Der Schindergraben verdankt seinen Namen dem ehemaligen Hohnsteiner Schinder (Abdecker). Um 1546 wurde hier totes und todkrankes Vieh entsorgt, um der Entstehung von Seuchen und Krankheiten vorzubeugen.”

Quelle: Wanderpfade

Es lässt sich jedoch feststellen: Zusammen mit dem Licht der schon am Himmel stehenden Morgensonne verliert der morbide Name seine Wirkung gänzlich. Der Einstieg in die Waldschlucht mit den Sonnenstrahlen, die sich in langen Lichtbahnen durch die Wipfel der Bäume kämpfen, ist ein wunderschöner Anblick. Auch wenn man zugegebenerweise jeden merkwürdig geformten, helleren Stein als Knochen eines verendeten Tiers sehen will.

Still – hört man da nicht die Axt des Schinders die Luft durchschneiden?

Bizzarer Bärengarten

Am Ende des Schindergrabens öffnet sich unterhalb von Hohnstein der sogenannte Bärengarten (Kartenpunkt bei rd. KM 0,6) , eine breite Schlucht unterhalb des Felsens, auf dem Hohnstein erbaut wurde. Den Namen trägt das Tal nicht zu unrecht: 1609 wurde dort über die gesamte Schlucht ein Bärenzwinger angelegt, in dem Bären für die blutige Jagdunterhaltung auf dem Dresdner Altmarkt und im Schlosshof Dresden gehalten wurden. Dazu wurde die Schlucht zum Schindergraben hin mit großen, bis zu einen Meter starken Mauern geschlossen.

Vom Hohnsteiner Tiergarten sind heute nur noch Mauerreste zu sehen. Besonders eindrucksvoll ist das untere Mauerwerk mit seinem Rundbogentor der Bärenfang. Er diente zum Einfang der Tiere für den Abtransport. Die hohen Felswände am Burgberg sowie am “Großkäse” und “Rittersporn” ersetzen einen Mauerbau an der West- und Ostseite dieses Geheges.

Quelle: Geschichte und Natur der säschsischen Schweiz

Stadt und Burg Hohnstein

Wer sich Hohnstein und die dazugehörige Burg, die schon wesentlich älter als die anschließende Siedlung ist, ansehen möchte, kann sich am Ausgang der weiten Schlucht – des Bärengartens – entscheiden, direkt in die Stadt einzuziehen oder den Rundwanderweg am Burgberg unterhalb der Burg zu nehmen (Kartenpunkt an KM 0,82). Wir entscheiden uns für den Rundwanderweg und stiefeln am Fels des Burgbergs entlang bis wir aus dem Wald auf weite Wiesen und einen landschaftlichen Blick auf das weite Polenztal zurückwerfen können. Von dort geht der Weg über das Ende der Mühlbergstraße, der straßlichen Anbindung Hohnsteins aus den Jahren 1925/26 mit fünf Kehren und der Überwindung von 110 Höhenmetern, direkt nach Hohnstein hinein – der Rundweg um die Burg stößt hierbei oberhalb der letzten Kehre auf das Ende der Mühlbergstr./Dresdner Str. (Kartenpunkt an KM 1,34)

Historisch interessierte Wandernde können sich hier schon mal etwas über die wechselvolle Geschichte von Stadt und Burg anlesen…

Nach unserem Rundgang durch Stadt und Burg verlassen wir Hohnstein nun durch den Eingang vom Bärengarten und folgen hier nun wieder dem Malerweg – wir versuchen es zumindest. Denn in der schmalen Schlucht außerhalb des Bärengartens verlässt uns ein wenig ein nutzbares GPS-Signal und da wir die Wanderkarte noch tief in einem der beiden Rucksäcke verstaut haben, verlassen wir uns auf das Wort von zwei Einheimischen, die uns den Weg weisen. Jetzt im Nachhinein wissen wir, dass die beiden mit ihrem Hund einfach nur den richtigen Malerweg für sich alleine haben wollten, um den Hund von der Leine lassen zu können – denn uns schickten sie über einen Umweg hoch ans andere Ende von Hohnstein. Wir verpassen einiges: Den Halbenweg zum Kalten Loch und die Grautschgrotte.

Dem Brand entgegen

Stattdessen wandern wir verwundert einen schnurgeraden Forstweg parallel zu Hohnstein entlang, sauber geschottert und ohne sehenswerte Aussichten. So gar nicht Malerweg. Bis wir das merken und korrigieren dauert es eine Weile – erst am Oberen Saugrung finden wir einen Zwischenweg, der uns auf den Malerweg zurückbringt (Kartenpunkt an KM 3,4).

Wir folgen nun wieder dem Malerweg auf dem Rundweg und biegen bei Kartenpunkt an KM 4,19 rechts ab auf die Brandstraße, die zum Brandpanorama führt. Die teils geschotterte stark verdichtete Straße weist nur wenige hundert Meter nach dem Start auf ihr auf einen wunderschönen Aussichtspunkt in den Forstgraben hin, einen tiefen Einschnitt der Hohnstein mit dem tiefen Grund verbindet und früher den einzigen Weg zwischen den Orten Hohnstein und Bad Schandau darstellte.

Nach einem längeren Stück durch ein großes Waldgebiet auf dem Brandplateau endet die Brandstraße mit dem Erreichen der Brandbaude (Kartenpunkt an KM 5,40), einem gastronomischen Aussichtspunkt und einem phänomenalen Panaromablick über die gesamte sächsische Schweiz, das sogenannte Brandpanorama. Trotz vorab inhalierter Wanderliteratur stehen wir staunend auf der Terrasse und blicken von links nach rechts und betrachten die uns vollkommen unbekannten Plateauberge, während andere langjährige Elbsandsteingebirgsbesucher die einzelnen Erhebungen links und rechts des Elbtales mühelos benennen. Lilienstein, Königstein, Pfaffenstein, Schrammsteine, Gohrisch und Felsennadel hier und Felsennadel da. Vielleicht aber lesen auch sie nur die große Bronzetafel mit allen Erhebungsnamen.

Ein schön beschriftetes Panorama bietet hier Wikimedia.

Abstecher Hafersäcke

Wer sich am Panoramablick satt gesehen oder einfach keine Lust mehr hat, hoch über der Elbe im Wind und Nieselregen zu stehen, der wendet sich, sofern auf dem Malerweg unterwegs, zum Abstieg in den tiefen Grund über die Brandstufen zu, einem recht anspruchsvollen Abstieg über rund 800 Stufen teils aus Naturmaterialien, teils aus Metalltreppen – mit und ohne Handlauf. An Kartenpunkt KM 5,6 zeigt ein schnödes Schild am Wegesrand auf den Aussichtspunkt “Hafersäcke” – eine sehenswerte Felsformation hoch über dem Tiefen Tal in der Seitenflanke des Brandplateaus – wer sich gerade die größeren Felsspitzen der Felsengruppe betrachtet wird schnell Hafersäcke erkennen, die oben zugebunden sind. Auf dem Weg zurück zum Malerweg treffen wir eine Frau mit ihrem Hund, die uns am heutigen Tag noch öfter begegnen wird und mit der wir uns austauschen sollten.

Rauf und runter – Waitzdorf

Die Beine zittern am Ende des Abstiegs vom Brand? Herzlich Willkommen in erlauchter Gesellschaft. 800 Stufen des Leids, des Zauderns und des Fluchens. Bei leichtem Nieselregen: Vorsicht auf den teils maroden Holzstufen! Das ein oder andere Mal lösen sie eher einen Sturz aus als einen zu verhindern.

Wer glaubt, das schwerste für den Tag hinter sich zu haben, der wird ja erstens durch einen Blick auf die Profilkarte der Etappe als auch zweitens durch einen Blick auf den weiteren Weg am Tiefen Grundbach entlang der Landstraße K8723 eines besseren belehrts: Steil bergauf (Kartenpunkt an KM 6,34) – auf blankem Straßenasphalt geht es nun rund 500m bei einer durchschnittlichen Steigung von 8% nach oben, immer der Logik folgend: Wer runter geht, muss auf der anderen Seite des Tals auch wieder hoch.

Auf der rechten Seite der Landstraße kommt dann der Hinweis per Malerwegschild (Kartenpunkt an KM 6,74): Bitte hier entlang. Rechts. Da hoch. Immer die Treppen empor – eine verzweifelte Bine richtet sich die Krone und stärkt sich vor dem Aufstieg mit einer Banane und einem großen Schluck Wasser, während ich mit dem Mut des Verzweifelten schon die die ersten Meter weinend steil bergauf stapfe. Es beginnt mit lustigen 8%, steigert sich schnell auf engen Stiegen auf 14% und bei Spitzensteigungen auf engen Eisentreppen auf fröhliche 25%. Heidewitzka.

Wir werden in diesem Abschnitt von einer Mutter mit Kind überholt, im übrigen dieselben, die zu Beginn der ersten Etappe mit uns aus dem Bus gestiegen waren, von der am Brand erwähnten Dame mit Hund und sogar eine Gruppe fröhlicher Holländer mit hochroten Köpfen überholt uns. Am Dorfteich des hoch oben am Ende des Aufstiegs gelegenen Waitzdorf treffen wir uns an der einzigen Sitzgelegenheit des Ortes wieder: Einer hölzernen Bank (Kartenpunkt an KM 7,31). Mit dem leicht angeschickerten Inventar des Dorfes, einem älteren Mann in den 80ern, der uns fröhlich Anekdoten aus DDR- und Nachwendezeit erzählt und dass er für den Stieg von unten bis oben nur zehn Minuten brauchen würde, für den wir locker 20 Minuten gebraucht hatten. Dass er, als er noch jung war, mit jungen Abiturienten aus West-Berlin um die Wette den Stieg hochjagte und sie letztendlich gewinnen ließ, weil er mit ihnen ein Eis essen wollte. Während die Dame mit Hund angeregt zuhört, sind Bine und ich beschäftigt, uns in windschützende Kleidung zu stecken, denn erstens sind wir vom Anstieg ordentlich durchgeschwitzt, zweitens wieder auf Plateauhöhe und einem ordentlichen Lüftchen ausgesetzt. Wir verabschieden uns nur wenig später von dem älteren Herren und ziehen mit der Dame mit Hund von dannen und verlassen auf dem Malerweg das kleine Örtchen. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit der Dame mit Hund beim Gehen, dann aber wird ihrem Hund langweilig und er zieht sie in einem atemberaubenden Tempo von uns weg. Unfair. Für die nächste Tour planen wir auch mit Hund.

Durch den Kohlgraben ins Sebnitztal

Hinter Waitzdorf führt uns unser Weg über den Mühlweg an der Ochelwand entlang, bevor der Mühlweg abbiegt und in einem Waldstück verschwindet, das etwas enger wird und als Kohlgraben zwischen interessanten Felsformationen aus vielen Sedimentschichten Sandstein letztendlich unten im Sebnitztal in dem kleinen Ort Großdorf-Kohlmühle endet (Kartenpunkt an KM 11,4). Seit 1902 steht in dem kleinen Ort an der wildromantischen vorbeifließenden Sebnitz die große aus Backstein erbaute Fabrik, die erst Papier und Pappen, später Linoleum und PVC Bodenbeläge herstelle und in DDR-Zeiten als VEB Linoleumwerk Kohlmühle zu einer der größten und modernsten Hersteller von Linoleum-Bodenbeläge avancierte.

Wir folgen dem Malerweg und der damit verbundenen Bahnstrecke, die sich an der Sebnitz durch das gleichnahmige Tal entlangwindet. Aufgrund von GPS-Problemen und dem vollständigen Fehlen eines Pfades über Wiesen entlang der Bahnstrecke zweifeln wir allerdings desöfteren, ob wir überhaupt noch auf dem Malerweg sind. Die inzwischen aber hervorgekramte Wanderkarte bestätigt uns das ganz altmodisch. Und eigentlich ist die Wegführung nicht weiter kompliziert: Der Malerweg folgt den Schienen und wenn er nicht den Schienen folgt, dann folgt er dem Flusslauf der Sebnitz in ihrem gleichnamigen Tal zwischen dem Hakenhübel, dem Pinsen- und Adamsberg entlang. Breiter als eine Grasnarbe ist er hier allerdings nicht, daher kommt es einem merkwürdig und erst einmal falsch vor, auf diesem schmalen Pfad zu wandern.

Letzter Anstieg nach Altendorf

Nach der Unterquerung von zwei Eisenbahnbrücken über die Sebnitz verlassen wir das Tal und steigen bergan auf den Pinsenberg. Hier geht es noch einmal zwischen acht und dreizehn Prozent Steigung auf über 1200m nach oben Richtung Altendorf – erst auf steinigen und wurzligen, sich windenden Bergpfaden, später dann im Anstieg nach Altendorf auf dem asphaltierten Mühlenweg. Als uns im Anstieg vier junge Frauen ohne Rucksäcke in engen Lauftights schnellen und behenden Schrittes überholen, sich locker voller Elan und Atem unterhaltend, fühlen wir uns alt, wie wir uns den Berg mit unserem Gepäck voller Mühe nach einem langen Tag nach oben quälen – wie ein Schlager schon weiß: Atemlos.

Am Kartenpunkt KM 14,4 erreichen wir auf dem Mühlenweg den Ortsrand von Altendorf. Bis zur Hauptstraße durch das Dorf, der Sebnitzer Straße (S 154), sind es nur wenige Meter. Hier biegen wir rechts in die Sebnitzer Straße ein und verabschieden an der Bushaltestelle die Dame mit Hund, die streckenweise immer wieder mit uns gelaufen ist und sich mit uns unterhalten hat. Von ihr erfahren wir, dass sie nun mit dem Bus zurück zu ihrem Campingplatz fährt, wo sie in ihrem PKW-Dachzelt nächtigen wird – sie wandert den Malerweg mit Hund von einem zentral gelegenen Campingplatz aus und fährt die jeweiligen Etappenstarts mit den entsprechenden Zug- und Buslinien an. Wir sind gespannt, ob wir sie wiedersehen werden, da wir die Etappen fast zeitgleich bestreiten.

Am Ortsausgang liegt unser heutiges Ziel – der Gasthof “Heiterer Blick” – eine kleine Zeitkapsel an sich. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – irgendwann Ende der 80er, Anfang der 90er – eine Mischung aus DDR-Restaurationsbetrieb und Neuanfang der 90er Jahre. Aber der Gasthof hat Charme. Alleine der große Essenssaal mit seinem fantastischen Panoramafenster auf den Nationalpark und dem konservierten Stil vergangener Jahrzehnte ist so skuril, dass es schon ungewollt kultig wirkt. Im Gegensatz zum großen Essenssaal sind die Zimmer da deutlich moderner im Stil eingerichtet, Möblierung, Bett und Bad ist alles top aktuell eingerichtet. In unserem Zimmer haben wir direkte Sicht auf die Schrammsteine und auch unser Bett mit lederbezogenem Kopfteil hat eine eingelassene, rote LED-Lichtleiste in Form des Schrammsteinprofils. Kurz finden wir das in rotes Licht getauchte Zimmer so anrüchig, dass uns für einen kurzen Moment verwegene Lust überkommt, die jedoch von der Erschöpfung kompromisslos niedergewalzt wird.

Feierabend, Zähneputzen mit Bambus und Licht aus. Die dritte Etappe haben wir hinter uns gebracht.

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